Kein Mittelding

„Kann nun von einer selbständigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein, so kann die Frage nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht (denn eine ,dritte’ Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es überhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegensätzen zerfleischt wird, niemals eine außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehende Ideologie geben kann).“ (Lenin)

1. Es gibt kein Mittelding zwischen Kommunismus und Depression. Wie auch? Betrachtet ein Mensch die Welt vernünftig, antwortet diese, dass es nicht in Ordnung ist. Da wir hier einen Dialog betrachten, ist es entweder die Welt oder die Fragende. Die meisten Menschen glauben nun, dass die Unordnung Recht habe; sei sie in der Welt oder im Kopf. Dass das völlig verkehrt und falsch ist, kann jede und jeder nachlesen oder erzählt bekommen, das Repertoire an Weltgedanken ist reich, tief und der Menschheit zur Nutzung freigegeben. Die meisten Fragenden sind in Ordnung, es besteht immerhin (erstmal) Gleichfreiheit unter Hirntransportern. Und die Unordnung des unordentlichen Teils der Welt ist falsch, unwahr, deprimierend, aber besiegbar. Dass morgen ordentlicher wird, und morgen auch schon heute ist, daran erinnern wir Kommunistinnen unsere Freundinnen.

2. Tertium non datur, heißt auch, dass Einige unserer Guten, einige unserer Besten aufgeben wider die Depression, d.i. die allgemeine Krise des Spätimperialismus. Mit Mark Fisher etwa fehlt ein Stück Ewigkeit mehr. Irgendwelche sagen, wir können uns trösten, dass der Feind außerhalb von uns liegt, nicht in uns. Aber die (immer schon vergesellschaftete) Autonomie eines poietischen Individuums, d.i. der Spiegel und die abgekürzte Chronik der Zeit, der/die wir sind, wenn wir auf dieses wir hören, diese Autonomie ist immer auch verkürmelt. Da ein Ich sich entfaltet und entwickelt in Zeit, Geschichte, Raum und Tiefe, und dabei Ressourcen nutzt, die für Mauerbau fehlen, ist es auch eine Kampfstätte. Jede kennt den Stuss des Klassenfeinds genau so gut wie sich selbst. Wer das bezweifelt, lügt sich selbst an oder ergibt sich und hüllt das vergammelte Bürgertum in kritische Gewänder. Noch jeder Kritiker hat sich der Übermacht ergeben, die er selbst hervorkritiziert hat. Max Stirner ist der Gott und Ahnherr aller GSPler, Trotzkisten, Westmaoisten und Wertkritiker; Heideggerianismus und Positivismus sind deren Gotteshäuser. Gibt es Nichtkommunistinnen, die keine Antikommunisten sind?

3. Es gibt Unschärfe: Befindliche, die durch anvergesellschaftete Einrichtungen der Entgesellschaftung gehen, können manchmal, in (noch) seltenen (oder doch nicht so seltenen?) Siegesmomenten des Weltgeistes, die Abwesenheit der bürgerlichen Ideologie, der Depression, denkbar machen: Manchmal haben wir doch Kommunismus eingeschrieben in die Weltsignatur. Es gibt, allem depressivierenden Geblök zum Trotz, Fortschritt in der Geschichte, und der ist unaufhaltsam und unzerstörbar. Rückzüge in Halbfertiges eingeschlossen, nur: Der Schaden, den Halbfertiges anrichten kann, ist nicht dennoch zu unterschätzen. Wer nur den halben Weg der bröckelnden Brücke geht, landet auch früher oder später im Sumpf.

4. Konsequenz ist illiberal. Die Unordnung ist unerträglich, denn was kürmelig ist, das knechtet. Weil es nun kein Mittelding gibt, haben die Leute oft Bausteine von Beidem im Kopf, widersprechend und schmerzend. Der Liberalismus will diese Schmerzen dadurch lindern, dass er Reklame & Ramsch dagegenspritzt. Aber nur Wahres & Gutes befreien: und die sind konsequent.

5. Stalin, sicher das kunstfähigste Emblem der Weltgeschichte des Fortschritts (in seinem nichtlinearen Laufe), hat seinen Gegenspieler im Trotzkismus. Es gibt Konflikte, in denen beide Seiten einen Teil der Wahrheit auf der Fahne tragen und also beide gewinnen müssen. Diese Konstellation ist die Tragische. Der Trotzkismus gehört nicht darein. Er ist der heimtückischste und verbissenste Feind der kommunistischen Entwicklung der ganzen Menschheit unter allen ultralinken Strömungen. Trotzkismus ist die Unordnung, die aufrechterhalten werden soll: Depression aufgehalten durch innerliches Abtöten und wirkliches Verkörpern und Auftattoowieren aller schlechten, dummen, hohlen Argumente.

6. Soll sich doch die ganze Welt gegen den Kommunismus verschwören: Wir werden gewinnen werden. Es gibt keine Kunst und keine Technik, keine Wissenschaft und keine Institution, keine Politik und keine Liebe, die wir nicht hacken werden oder immer schon gehackt haben werden. Wie schön wäre es, wenn mit den K-Irrenhäusern so Schluß gemacht würde, wie mit der deutschen, in Parteien und Plattformen aufgeteilten Linken insgesamt? Ist erst aus dem Chaos Eins geworden, lässt sich eleganter Zwei machen. Dann nämlich kann eine der Hände – erinnern wir uns an das Logo der Einheitssozialisten im Osten – die Stärkere sein und die Andere im festen Griff haben. Wer kann Angst davor haben? Nur diejenigen, die Kommunismus mit Opferlamm übersetzen. Als wäre die Sowjetunion ein Pflegeheim für Arbeitslose und Analphabeten gewesen, und hätte sie nicht vielmehr Ansprüche an die Partikularitäten, die dem Gattungsbegriff entsprechen wollen, gestellt, die im Kapitalismus völlig dem Himmelreich angehörig scheinen: Der optimale Sowjetmensch war nicht nur Ingenieur und Parteimensch, sondern mindestens noch philosophisch geschulter Schriftsteller; als wäre der organisierte Kommunismus nicht etwa die staatsförmige Rache der Menschheit an der Tyrannei sondern eine Heimstett des Lumpenproletariats gewesen, genauso wird heute die gesellschaftliche Linke gedacht, mit paternalistischer Vorliebe vom Trotzkismus. Lassen wir uns unseren Bolschewismus nicht nehmen, unsere egalitäre Tugend, unseren disziplinatorisch-revolutionären Terror, unseren politischen Mut und unser Vertrauen in die Produzierendenklassen. Unten, in urbi et orbi des Lumpenproletariats, ist das Leben nicht denkbar, weil es zu abstrakt ist. Wer konkret denken will, muss die Phänomenologie des Geistes bis zur absolute Wahrheit hochschreiten. Und wer auf dem Weg zur absoluten Wahrheit ist, der erkennt die Agenturen der Dummheit; Wir Bolschewiken sind schließlich die, die zuallererst einmal die Hirne der Leute entblößen.1

7. Man muss sich einschreiben nicht einfach an der Uni oder ins Bewerbungsgespräch, sondern in die Kunst, in die Wissenschaft, in die Liebe, in die Politik. Vernünftigerweise lässt man sich aus jedem dieser Garne weben. Und wer Politik sagt, muss irgendwann auch mal Partei sagen.

8. Muss? Klar sind die deutschen linken Parteien einer Kommunistin nicht würdig! Aber niemand sucht sich seinen Kommunismus aus, sondern nimmt die Arschlöcher, wie sie sind. Auf dem Inventar stehen: Sozialdemokraten, Grüne und Linkspartei.2 Wenn wir schon bauen müssen, bauen wir wenigstens mit dem, was schon an Vernunft selbst hier verwirklicht ist. Ideeller Gesamtlinke sein wollen, dass steht zumindest im Manifest der Kommunistischen Partei so als Aufgabe aufgegeben. Wahrscheinlich haben wir das auch drauf, ich meine, es an mir sehen zu können. Ich résumiere also: Ja!: – Ich bin spießiger Arbeiter, pöbelnder/iger Intellektueller, naturfeindlicher Grüner und stalinistischer Sozialdemokrat. Für absolutere Wege bin ich aber offen, sprecht sie aus. „Der Robespierrismus wirft erneut alle Faktionen nieder. Der Robespierrismus gleicht keiner von ihnen, er ist weder ausgeklügelt noch begrenzt. Der Robespierrismus ist in der ganzen Republik, in allen kritischen und klarsehenden Menschen und natürlich im Volk. Der Grund dafür ist einfach: der Robespierrismus ist die Demokratie, und diese beiden Begriffe sind gänzlich identisch. Wenn wir also den Robespierrismus wiederaufrichten, sind wir sicher, die Demokratie wiederaufzurichten.“ (François Noël Babeuf) Ich mach’s so.

9. Wenn wir gewinnen, muss nicht jede überzeugt sein. Denn wenn die Beziehungen unter den Menschen so gewoben sind, dass sie vor dem Richtstuhl der Vernunft bestehen, kommt die Überzeugung schon noch durch Einsicht. Je vernünftiger der Staat, desto mehr kann man, befreit von dem Aufbauen von Negativität, affirmieren: also eine Haltung einnehmen, die Ja zur verwirklichten Vernunft sagt und dabei nicht schreien und schlagen muss.
Eine Haltung bezeichnet die Zugriffsart, mit der man an die Welt geht. Man kann hierbei erkenntnistheoretisch, mathematisch, betrunken, oder etwa poetisch vorgehen, es gibt viele Möglichkeiten. Wir wollen eine kommunistische Haltung einnehmen und bewahren. Eine Haltung bewahren nennt sich Treue. Treue ist dabei Vermögen, aufrecht zu stehen, wenn die Belastung einen einknicken machen will. Wodurch zeichnet sich eine kommunistische Haltung aus? Eine kommunistische Haltung sucht, die nichtkommunistische Welt kommunistischer zu machen. Erst gewinnen wir, indem wir der Vernunft, die schlummert, zum Aufwachen, Durchbruch und Verankern helfen, dann lassen wir sie Schönes machen.
Es gibt mithin auch haltlose Haltungen, die mit dem Gewinnen und Überzeugen umgehen:

9.1.) Nichtgewinnen & Nichtüberzeugen: Die Lieblingshaltung aller Quatrointernationalistenpostboten, ungehobelten Anarchos und GSP-Fußsoldaten. Hier spricht nix Schlaues. Immer wieder dieselben zur Fessel und Beleidung für alle biotischen Gehirne herabgesunkenen Schablonen, die die Welt versprechen wollen, aber doch alles nur noch schlimmer machen. Wie kann es sein, dass sich jeder der Adepten genauso anhört und anhört und anhört wie der eine Lehrmeister, den eine Schule da herausbringt? Jeder der Lehrmeister macht schon meistens alles falsch: Die Adepten sind überragende Schüler dahin.
9.2.) (Falsch) Gewinnen und Nichtüberzeugen: Die Siegermächte des Wahnsinns, der Falschheit- und Dummheit, der Knechtschaft, sie haben Unrecht und aber dennoch noch Macht. Aber nicht mehr lange, denn wir haben Disziplin und Recht.
9.3.) Nichtgewinnen und (teilweise) Überzeugen: Alle Žižekianer, Badiouistinnen, Negri-operaistinnen, Luxemburgianer, aber auch: Linksliberalen sind doch eigentlich nett. Sie verlieren zwar oft und sie werden depressiv, aber sie wollen mit uns gewinnen. Lassen wir sie doch.
9.4.) Das einzig denkenswerte ist alles Gewinnen und Überzeugen: ergo alles richtig machen. Allseitig entwickelte und entfaltete, body-gender-race dekonstruierte Kommunistin sein. Man kann ordentliche Haltung nachlesen. Und das sollte man auch, mit kleinem Hinweis zum Umgang mit der Lektüre, nämlich folgendem: Jede sollte pro klassisches Marxistisch-Leninistisches Grundlagenbuch, was völlig unverzichtbar und notwendig ist, fünf „unorthodoxe“ große Denkerinnen und Denker lesen, und am Ende dann, wie man sagt, „auf dem Boden eines schöpferischen Marxismus“ stehen.

10. Robespierrisieren wir uns!

  1. A man is not always trying to undress a woman’s brain first.“ (Scarlett Johansson) [zurück]
  2. Die politischen Folklorevereine á la Transhumane Partei, DKP oder noch schlimmer schlag ich hier der Einfachkeit halber dem Straßenanhang der Linkspartei zu. [zurück]

Bloggen

Bloggen ist eine Qual.
Niemand agitiert gerne; wären Maschinen selbstbewusst, fänden sie Turing Tests sicherlich so unerträglich, wie das heute für Kommunistinnen ist, wenn sie Menschen die Welt erklären müssen, die doch Hegel und Lenin schon erklärt haben. Die Bourgeoisie kann eine Sache dann doch wunderbar produzieren: Irrationalismus. Und Irrationalismus ist Antikommunismus und Antikommunisten sind unerträglich, denn „der Mensch ist vor allem Geist, geschichtliche Schöpfung und nicht Natur“ (Gramsci) und kann daher mit laufender Geschichte immer weniger ertragen, was schon zu Höhlenzeiten unerträglich war.
Aber wenn diese Art νέα ἀγορά einmal da ist, die da ist soziale Netzwerke, d.i. die ganzen konzerneigenen entöffentlichten Öffentlichkeiten, d.i. die postapokalyptischen Plattformen, auf denen liberale Papiertiger herumtollen gemacht werden, also wenn das alles also dann da ist, macht es alles noch anstrengender, sie einfach den Vernunft- & Tugendfeinden zu überlassen. Insbesondere in Deutschland. Folglich bloggen, twittern, whatsappen, tele- & instagrammen, snapchatten und facebooken Kommunistinnen.

Gemütlich ist immerhin, dass ich durchs Bloggen auf notierte Argumente verweisen kann (auch wenn ich das fast nie tue1) und nicht jedes Mal das Rad neu zerschlagen werden muss (auch wenn das fast immer nötig ist). Die Mittel werden vom Ziel mitbestimmt, daher ist Ekel den hässlichen Mitteln gegenüber etwas selten, vielleicht gar nicht Erlaubtes. Zwar gibt es in der Regel verschiedene Mittel, um einen gleichen Zweck zu erreichen, auch haben Mittel einen eigenen Horizont an Möglichkeiten, der ihnen Kraft gibt, unterschiedliche, mithin neue Zwecke erarbeitbar zu machen. Und daher ist es spätestens aufgrund der massiven feststellbaren Vermüllung des Denkens durch spontanes Herausschleudern von nur Angegartem, sowie durch Richtens der Denkwege, -Gänge und -Linien nach einem anarchischen statt einem universalistisch-elitären, philosophenroyalistischen Publikums, was beides durch die Struktur der sozialen Medien und ihrer Bewertungsmechanismen, insbesondere in Verbindung mit dem Liberalismus, der wie elektromagnetische Wellen durch unsere Körper geschossen wird, und dann aber leider an den falschesten Stellen dafür sorgt, dass etwas hell aufflackert, eine Möglichkeit des hässlichen Mittels, die wir beachten, bekämpfen und unterdrücken müssen.

Unterdrückung getan ist doch dann tatsächlich so: Jede Waffe findet ihren Krieg, jeder Text findet seine Leserin. Und ist einmal in die Welt gesagter, geschriebener, geposteter Dialektischer Materialismus auch nur durch feindliche Kraftanstrengung wieder auszuradieren. Wie schön und beruhigend zu wissen.

Folglich bloggen Kommunistinnen weiter. Es überwintert die Vernunft auch noch in den vernunftfeindlichsten Zonen, hält sich unbeschädigt, und legt dann wieder los, wenn die Zeit hergerichtet ist. Also ab gestern.2

Koala schlafen bis zu 20h/d, da sie Kompliziertes zu verarbeiten haben. Willst du den Geschmack der Weltgeschichte kennenlernen, mußt du sie verändern, das heißt sie in deinem Mund zerkauen.
Koala schlafen bis zu 20h/d, da sie Kompliziertes verarbeiten. Willst du den Geschmack der Weltgeschichte kennenlernen, mußt du sie verändern, das heißt sie in deinem Mund zerkauen.

  1. Gibt ja Hegel, die Klassiker des Marxismus & der Weltliteratur, und Texte schlauer Leute alle online und frei, oft sogar legal, beziehbar. Und wer die schlecht sortierten (also nahezu alle) Buchhandel nicht ausrauben will, kann sich viel Schönes ja „gebraucht“ (Die Rechnung Gebrauchter Klassiker zu Leuten, die sie drauf haben, geht nicht auf.) besorgen. [zurück]
  2. Oder heute oder so. Kommunismus als kämpfendes Programm ist nach Marx immer und überall auf dem Erdball möglich. Man braucht nur 1 Kommunistische Partei und mindestens 1 Anhängerin (w/m/x). [zurück]

Kampfmitteloptimierung

„The world that birthed that story is long gone, all its people are dead, but it continues to touch the present and future because someone cared enough about that world to keep it. To put it in words. To remember it.“ (R)

Man kann sich immer über Amateure freuen, die den Kleinscheiß der Revolutionserarbeitung auf sich nehmen, so sehr derartig bewegte lebens- und genußfremde Linksabweichlerzombies die Weltvernunft auch bremsen wollen. Diese Ungevögelten aller Länder leben von der Würde, die durch die bolschewistischen Heroen in die Welt und aufs Papier gesetzt wurden, mit ihr in einer netten Symbiose. Sie selbst können mit ihrer Arbeit1 nichts mehr anfangen, aber immerhin kann ich es: Die Klassik des Marxismus ist nun jederzeit griffbereit und praktisch für Leerlauf im Betrieb oder Schreckens-Fahrtzeiten des Öffentlichenpersonennahverkehrs nur einen Fingerwisch entfernt auf Smartphone, Tablet, Ultrabook oder Sonstiggerät digitalisiert zu rezipieren. So kann sich zumindest keiner mehr rausreden, dass er/sie/es sich die MEW und LW nicht leisten könne2 oder die Werke nicht allzeit zur Hand hätte.

Also: Lasst 1000 Geräte aufleuchten!

  1. Schade, dass die Werke nur eingescannt sind. Abgetippt wären sie noch besser. Aber dafür werden sich auch noch Idioten finden lassen. [zurück]
  2. Er hat natürlich nun unrecht, aber nicht absolut: “Eine halbwegs komplette Kenntnis des Marxismus kostet heut, wie mir ein Kollege versichert hat, zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Goldmark und das ist dann ohne die Schikanen. Darunter kriegen Sie nichts Richtiges, höchstens so einen minderwertigen Marxismus ohne Hegel oder einen, wo der Ricardo fehlt usw. Mein Kollege rechnet übrigens nur die Kosten für die Bücher, die Hochschulgebühren und die Arbeitsstunden und nicht was Ihnen entgeht durch Schwierigkeiten in Ihrer Karriere oder gelegentliche Inhaftierung, und er läßt weg, daß die Leistungen in bürgerlichen Berufen bedenklich sinken nach einer gründlichen Marxlektüre; in bestimmten Fächern wie Geschichte oder Philosophie werdens nie wieder wirklich gut sein, wenns den Marx durchgegangen sind.” Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche (1940/42) [zurück]

Segen und Grenzen des Koffeins

„Für einen Geistarbeiter ist es notwendig, Kaffee zu trinken.“ (Wohlfahrtsausschüssler Jean-Marie Collot d‘ Herbot, 30.01.1792)

Goethe höchstselbst war es, der der zivilisierten Welt rat, die Kaffeebohnen auf ihren Hauptwirkstoff, das Koffein, zu untersuchen. Seitdem erfreut sich die Welt über die wissenschaftliche Durchleuchtung und Anwendung des schwarzen Goldes. Zurecht.

Der Kaffee gleicht in seinem edlen Nutzen für die Menschheit der Revolution, diesem durch den Wortmissbrauch durch die vereinigten Hetzapologeten der Contre-Revolution und brutalisierten Narodniki aller Länder doch niemals den schönen Klang abredbarem Begriff, die der Entkettung der Knechte, der Entfesselung der Künste und der Entidiotisierung des Geistes den theoretischen1 und praktischen Grundstein setzen wird: Er belebt Geist und Körper, ist direkte Hirnnahrung für die nervenaufreibende und synapsenverbindende Arbeit des Begriffs, bietet also in seiner monistischen Aufputschung dem Hegelianer eine Quelle, sein Werk zu schaffen und seine herausragende Leistung noch mehr zu steigern.

Und selbstverständlich muss ich einschränken: Koffein ist auch nur Katalysator. Wo kein Geist ist, kann kein Geist geputscht werden; wo kein Leben ist, belebt auch Koffein nicht. Die Sozialdemokratistengarde von links und rechts könnte in Kaffee ertrinken, ohne eine merkbare Geistesregung auszustoßen. „Die Bewegung ist alles!“, gröhlt der wankende Soze und der Tote bleibt tot und wandelt, humpelt, zuckt im ewigen bernsteinianischen oder genauso bescheuerten bernsteinkritischen Trott in die Unendlichkeit der Bedeutungslosigkeit. Sie stehen damit sogar noch unter den Arachniden, die von einer Kaffeedrogentour wenigstens unfähig und wahnsinnig werden. Der sozialdemokratistische Coffeinist ist immer unfähig und wahnsinnig, auf ständigem Kaffeeentzug.

Es gibt also einen wandelnden, dogmatischen Coffeinismus und einen schöpferischen, marxistischen Koffeinismus2. Ich stehe auf dem Boden des letzteren.

  1. Der Hegelianismus ist bekanntermaßen die Französische Revolution in Gedankenstiefeln.[zurück]
  2. Mit K, versteht sich.[zurück]

Haltlose Haltungen

Jeder Freund und jede Freundin gesitteter Welt- und Staatsordnung verhält sich der Welt gegenüber im besten hegelianischen Sinne affirmativ. Er oder sie be-greift die Welt und weiß sie zu gestalten, wirkt also schöpferisch und nach Weisungen handelnd, die außerhalb des gegenwärtigen Zeitgeistes liegen, denn sie greifen vor, sie sind Weisungen des Weltgeistes. Diese Heroen im Kleinen haben die nach Hacks fröhlich-resignative, nach Lenin bolschewistische Haltung eingenommen. Das ist gut, wahr und schön. Wenn der blaue Planet zu unseren Zeiten allerdings rot erscheint, dann durch den bluttriefenden vergesellschafteten Irrsinn unseres Klassenfeinds. Die Barbarei, die durch den vorläufigen Schwächeanfall der Bolschewisten immer noch ihr Comeback als der Weisheit letzter Schluss feiert, lässt natürlich auch so manches deutsche Gemüt nicht ganz unberührt und produziert, um die Strenge des Dialektischen Materialismus zu beweisen, ihr entsprechende Haltungen:

1. „MAN KANN DOCH NICHTS MACHEN!“ – die durchschnittliche, nettgemeinte und nettseiende Haltung des normalen sozialdemokratischen Kämpfers, der sich gerne für eine gesittete Welt einsetzen und eventuell sogar für die Arbeiterklasse ein wenig mehr (Mit)Bestimmung sehen möchte, ist vor allem in Köpfen von nicht- und dochorganisierter Sozial- und Generelldemokratie, Friedens- und Umweltschutzbewegten gedacht. Latent will er die Vernunftherrschaft der Produzierenden durchsetzen. Macht ist diesem Kämpfer allerdings nur von den monopolistisch-irrationalen Bediensteten der Blödheit, dem Klassenfeind, bekannt. Er sieht seine Ohnmacht und resigniert, denn er ist naiv. Als deutscher Arbeiter äußert er diesen Satz meist nur – aus Angst, alleine und ohnmächtig dazustehen – wenn mindestens 2 Millionen andere deutsche Arbeiter ihn gleichzeitig äußern.

2. „ICH KANN DOCH NICHTS MACHEN!“ kann man deutschen Untertanengeist, beziehungsweise noch besser Kadavergehorsam nennen, den dieser, am besten mit seiner popkulturellen Entsprechung, dem faulenden Zombie, speichelleckende Ideologe und willige Vollstrecker eines Staatsmonopolkapitalismus (mit Plastik-Blümchen dran, wenn er Sozialdemokratist ist) darstellt. Bewusst ist die Abwendung vom allgemeinen „man“ zum solipsistischen und keineswegs subjektiv gemeinten „Ich“: Er ist nichts, will nichts und kann nichts. Dementsprechend steht hinter seiner Aussage schüchtern die protzige Erwiderung: „Ich kann doch aber Nichts machen!“ Seine vordringlichste Aufgabe sieht er darin, dass auch Nichts so bleibt, wie es ist.

3. „ICH KANN DAS MACHEN!“ äußert der völlig apathische Steinzeitianer trotzkistischer Prägung und bezweckt sowie verlangt nur eins: Seinem Messias – heiße er Trotzki, Stefan Engel oder sei ein sonstwie gearteter gelockter Witzbold K-grüpplerischen Idiotentums – soll er (oder der Gegenüber, der Opfer des Agitprop-Gequatsches geworden ist) ein schönes Leben bereiten. Aus einer unterschütterlich und feudalklerikalen Gesinnung resultiert diese äußerst knechtische Seele, die jeder Beiläufigkeit, die ihr hingeworfen wird, in vorrauseilendem Gehorsam die Zusage erteilt, alles individuell Unschaffbare zu ihrer Durchsetzung, immer auf jeden Fall über das schnöde Mögliche hinaus, zu wollen und durchzuführen. Seit Hegel weiß die Menschheit, dass Alles machen wollen auf Nichts machen wollen hinaus läuft; Hier vertreten ist also wieder der Ichkanndochnichtsmacher, aber ekelhafter: als unbezahlter Hintern des deutschen Untertanen; als ein Monopolistenfreund-von-links-Funktionär, er kümmert sich um jeden Scheiß und schafft also Nichts.

„Was kann man denn nun aber machen?“ fragt die Freundin der Freundinnen gesitteter Weltordnung, der keine der obigen „Haltungen“ zuspricht und ich muss ihn enttäuschen: Die dem Weltgeist auf heutiger Konkretion entsprechende und in der Praxis der bolschewistischen Weltbewegung erprobten abermals und noch und neuer formulierte Haltung zukunftsgerichteter robespierrianischer Leninisten einnehmen, ist, bleibt und wird mein Rat, mit dem ich mich in guter Gesellschaft befinde: „We‘re fixing everything.1 (s.o. und in den Werken des Sozialistischen Realismus und der Sozialistischen Klassik. Denn gute Literatur und Kunst schafft bekanntlich Kommunismus.) Einer der besten ersten Schritte für die Vermassung bolschewistischer Haltung ist das Salonfähigmachen der Massenrezeption von zu Text gebrachter Weltvernunft, also: DEN HEGEL LESEN! WEISHEIT IST GERECHTFERTIGT!

  1. „Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigne partikulare Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist. […] Solche Individuen hatten in diesen ihren Zwecken nicht das Bewußtsein der Idee überhaupt, sondern sie waren praktische und politische Menschen. Aber zugleich waren sie denkende, die die Einsicht hatten von dem, was not und was an der Zeit ist. Das ist eben die Wahrheit ihrer Zeit und ihrer Welt, sozusagen die nächste Gattung, die im Innern bereits vorhanden war. Ihre Sache war es, dies Allgemeine, die notwendige nächste Stufe ihrer Welt zu wissen, diese sich zum Zwecke zu machen und ihre Energie in dieselbe zu legen. Die welthistorischen Menschen, die Heroen einer Zeit, sind darum als die Einsichtigen anzuerkennen; ihre Handlungen, ihre Reden, sind das Beste der Zeit.“ (G.W.F. Hegel; Hervorhebung von mir) [zurück]